Wie das Blog 6und8zig berichtet, veröffentlichte DER SPIEGEL in seiner Ausgabe Nr. 29/2007 auf Seite 27 eine ganzseitige Anzeige der INSM mit dem theologischen Mietmaul Notker Wolf als Motiv. Vor einigen Jahren, vor dem Antritt von Rot-Grün und dem redaktionell verordneten Bejubeln der menschenverachtenden Agenda 2010, die in manchen Kreisen auch als Wunschzettel der Bosse an Gerhard Schröder bezeichnet wird, hätte man wahrscheinlich eher eine Seite leer gelassen als diese an eine neoliberale Propaganda- Kompanie des sozialen Kahlschlags wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zu verkaufen.
Aber wie wir ja alle wissen, ist die Konkurrenz der Zeitungen und Magazine gewachsen, viele Redaktionen sind durch Kostendruck und Konkurrenz von Online-Inhalten dermaßen ausgedünnt, dass man vielfach PR-Meldungen wie jene der INSM dankbar aufnimmt und seinen Lesern als redaktionellen Inhalt unterschiebt. Aber so etwas macht DER SPIEGEL ja nicht, der sich selbst noch als Synonym für investigativen Journalismus bezeichnet. Der kassiert lieber mal eben irgendwas um die 52.070 Euro von der INSM und überläßt ihr dafür eine Seite im Magazin. Dumm nur, wenn man im gleichen Magazin auf Seite 88 Notker Wolf auch im Rahmen eines „Interviews“ noch einmal zu Wort kommen läßt, wo er erneut neoliberale Phrasen drischt:
Nun haben sie allerdings auf Seite 88 den gleichen Mönch im Interview – diesmal allerdings von Spiegel-Redakteuren befragt. Er holt hier wenig überraschend den selben neoliberalen Müll raus wie in der Anzeige. Und da Frage ich mich: hat es der Spiegel wirklich nötig seine Leser zu belügen? Oder ist er, wie immer mehr Stimmen behaupten, ein “neoliberales Kampfblatt” geworden?
So schnell kann es gehen. Eigentlich war DER SPIEGEL meines Erachtens schon vor dem Ende von Schröders erster Amtszeit nicht mehr mit offenen Augen und kritischem Verstand lesbar. Doch des Autor des Blogs war so höflich beim SPIEGEL wegen möglicher Interessenverflechtungen nachzufragen und bekam folgende Antwort:
Das heißt unter anderem, im redaktionellen Teil des SPIEGEL können Sie lesen, was die Redaktion zu einem Thema zu sagen hat – ohne Rücksicht auf die Interessen von Anzeigenkunden.
Ach, und dass man in der gleichen Ausgabe eine Notker Wolf-Anzeige der INSM und zusätzlich ein „redaktionelles“ Interview mit ihm drin hat, ist ja sicher nur ein dummer Zufall, oder? Ich würde das schlicht als Content oder Themen Placement bezeichnen, was ja seit Marienhof zum gängigen Repertoire der INSM gehört. Auch wenn man sich hinterher büßerhaft und pseudo-transparent präsentierte, nachdem man erwischt wurde.
In den Anzeigen steht, was die Inserenten sagen möchten. Sie dürfen das – ohne Rücksicht auf Beiträge und Bewertungen im redaktionellen Teil – so lange geltendes Recht nicht tangiert wird.
Natürlich hat auch die INSM das Recht auf Meinungsfreiheit, auch wenn ich deren Meinungen gelinde gesagt zum Kotzen finde. Jedoch sollte man als Synonym für investigativen Journalismus investigativ genug arbeiten können, um zu wissen, dass die INSM gegen die Interessen des deutschen Volkes agitiert und daher vor allem auch berücksichtigen, ob eine Werbeanzeige nicht vielleicht die eigene Glaubwürdigkeit weiter untergraben könnte. Sehr wohl gilt aber auch für den SPIEGEL das Medienrecht und der Pressekodex. So heißt es beispielsweise im Pressekodex:
Ziffer 7 – Trennung von Werbung und Redaktion
Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.
Es wäre interessant zu erfahren, welche Summe der SPIEGEL für die einseitige INSM-Werbung kassiert hat, denn der Durchschnittswert für eine Seite ist ja mit 52.070 Euro beziffert. Sollte die Summe erheblich nach oben abweichen, wäre es an der Zeit für die zweite Rüge der INSM durch den PR-Rat und für eine gesalzene Rüge des Presserates in Richtung SPIEGEL.
danke fürs verlinken
ich hab den menschen noch eine mail geschrieben und sie auf diesen widerspruch aufmerksam gemacht. mal sehen was sie jetzt noch von wegen „trennung von redaktion und anzeige“ zu sagen haben…
Der Pressekodex ist da eigentlich eindeutig und es wäre nicht das erste Mal, dass ein Verlag eine Werbeanzeige samt „Feature“ verkauft. Die BILD machte das z.B. bei ihren Kampagnen für die „Volksrente“, markierte die Seiten aber wenigstens als Werbung / Anzeige oder sie waren mit einem eigenen Impressum versehen. Ich bezweifle stark, dass das Interview mit Notker Wolf als „Anzeige“ markiert war. Es ist ja gerade Ferienzeit und mancher Verlag ist da, wo die üblichen Kunden gerne mal ihre Anzeigenschaltungen pausieren, für alles Mögliche und Unmögliche offen.
INSM-Sniper
Die Anzeige mit Notker Wolf war auch in der Süddeutschen Zeitung, wenn auch nicht ganzseitig zu sehen, zudem ließ die Süddeutsche Notker Wolf nicht noch mal im Interview zu Worte kommen. Grundsätzlich scheint mir die Süddeutsche Zeitung da etwas Distanz zu haben, wenngleich mir zu denken gibt, daß wohl diese hanebüchene »Ludwig-Erhard-schreibt-wieder«-Anzeigenserie exklusiv in der Süddeutschen Zeitung gefahren wird. Da könnte man auf die Idee kommen, daß die INSM die SZ für irgend etwas belohnen will.
Auf der anderen Seite hat die Süddeutsche Zeitung jedoch in ihrem Bericht über das Bundesländer-Ranking der INSM deutlich darauf hingewiesen, daß die INSM eine Arbeitgeber-Veranstaltung ist.
Zudem rechne ich der Süddeutschen Zeitung hoch an, daß sie sich seinerzeit nicht von Aldi erpressen ließ und lieber auf die Werbe-Anzeigen von Aldi verzichtete statt auf die Berichterstattung über die Behinderung der Gründung von Bertriebsräten durch Aldi. Der Aldi-Konzern boykottierte aus Ärger über die kritische Berichterstattung die Süddeutsche Zeitung ein knappes Jahr lang mit ihren ganzseitigen Anzeigen.
Wäre schön, wenn alle Zeitungen und Zeitschriften eine solche Standhaftigkeit auch gegenüber der INSM aufbringen würden. Dann wäre der Verein weit weniger erfolgreich.
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