Wer hätte das gedacht, dass die INSM nun noch den Schäuble macht? Gut drei Wochen ist es her, dass Wolfgang Schäuble (CDU), Bundesüberwachungsminister des Inneren, mit dem Sprüchlein “Die Überwachung der Kommunikation ist lebensnotwendig” zitiert wurde. Seinerzeit dachte ich mir, dass Schäuble doch einfach einmal einen Biologen konsultieren sollte, der ihm erklärt, was wirklich lebensnotwendig im Sinne von für das Leben notwendig ist. Den Therapeuten, der ihm wahrscheinlich nachhaltiger helfen könnte, meidet Schäuble ja offenbar bislang. Sarkastische und zynische Gemüter ließen in diversen Foren und Blogs den Vorschlag verlauten, dass man gerade deshalb nun keine Online- Durchsuchungen gesetzlich erlauben solle, damit sich das Problem SSchäuble ein für allemal erledigt, wenn diese für ihn tatsächlich lebensnotwendig seien.
Als würde es nicht reichen, das Wolfgang Schäuble sich mit seinen verirrten Ansichten zu lebensnotwendigen Dingen lächerlich machen, legte heute die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) nach. Sie interviewte Notker Wolf, seines Zeichens Abtprimas des Benediktinerordens und für seine erzkonservative, wenig soziale Einstellung bereits bekannt:
Herr Abtprimas, in Deutschland wird heftig darüber gestritten, wie viel Geld Langzeitarbeitslose bekommen sollen. Wie viel würden Sie geben?
Jedenfalls weniger als Hartz IV.
Das sind nur 345 Euro im Monat!
Ich bin sicher, dass es für viele, die heute ohne Arbeit sind, Jobs gibt. Ich würde jeden Einzelnen fragen: Bist du wirklich bereit, jede Arbeit anzunehmen, auch wenn sie nicht mehr Geld einbringt als Hartz IV? Allein schon um deine Würde zu wahren?
Und immer wieder schallt es laut aus den verstaubten Glockentürmen der INSM und von Notker Wolf:
“Der Regelsatz von Hartz IV ist zu hooooch. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Laßt die Sozialschmarotzer doch wenigstens für die Kirche oder die deutsche Industrie, unser goldenes Kalb, kostenlos arbeiten. Kein Mindestlohn über Hartz IV-Niveau!”
Dass es sich Notker Wolf da noch erlaubt, das Wort Würde auch nur in den Mund zu nehmen, ist eine Chuzpe. Was Arbeitszwang zu einem Lohn, von dem man nicht leben kann, mit Würde zu tun haben soll, erschließt sich wohl nur, wenn man Schlotbaron der deutschen (Metall-) Industrie oder rundum versorgter und privilegierter Anhänger einer Religion ist, an der mindestens so viel Blut klebt wie an der deutschen Industrie, die im Dritten Reich die Zwangsarbeiter gnadenlos verheizt hat.
Dieses Interview wurde nun von der INSM mit der Überschrift Arbeit ist lebensnotwendig versehen – einem Zitat von Notker Wolf. Somit ergeht auch an die INSM und diesen üblen Vertreter “christlicher Werte” der Rat, sich bei einem Biologen zu erkundigen, was lebensnotwendig ist und was nicht. Aber zerpflücken wir doch einfach mal die blödsinnigen Antworten von Notker Wolf im INSM-Interview:
Herr Wolf, welches Verhältnis haben Sie zur Arbeit?
Das Motto meines Ordens, “ora et labora”, nehme ich ernst. Arbeit gehört zum Leben, weil sie eben nicht nur notwendige Pflicht, sondern auch Sinnerfüllung ist. Sie vermittelt Selbstwerterfahrung. Gleichzeitig stärkt sie das Verantwortungsgefühl des Einzelnen für die Gemeinschaft.
Herrn Wolfs Orden interessiert kein Schwein, um es einmal auf den Punkt zu bringen. Auch wenn man dort nackt herumlaufen, sich mit lila Farbe bemalen und in Rumpelstilzchen- Manier um einen brennenden Scheiterhaufen herumtanzen würde, wäre das für die restliche Welt außerhalb seines Ordens vollkommen uninteressant. Außerhalb seines Ordens gibt es auch keine allgemeine Arbeitspflicht, auch wenn seine Interviewpartner von der INSM schon ganz feucht im Schritt werden, wenn sie an die Gewinne und Renditen denken, die ihnen Zwangsarbeiter zum Hartz IV-Tarif – für Vollzeit-Stellen, versteht sich – bescheren könnten. Ob es nicht zugleich ein geistiges Armutszeugnis ist, dass Notker Wolf Arbeit offenbar als einzige Sinnerfüllung betrachtet, wäre die nächste Frage. Zur Selbstwerterfahrung ist Arbeit nur dann notwendig, wenn man mittels Hetzkampagnen gegen Arbeitslose zu Felde zieht, sie pauschal als “Schmarotzer” und “Faulenzer” verunglimpft und durch einen massiv zu niedrig angesetzten Regelsatz des ALG2 vom sozialen Leben ausgrenzt. Daran wiederum würde sich aber auch nichts ändern, wenn die Betroffenen für das gleiche Geld arbeiten würden. Dass eben nicht die Arbeit das Problem ist, sondern die Dumpinglöhne, der heute von den Arbeitgebern vielfach bezahlt werden, erscheint jemandem, der außer seinem altbackenen Orden nichts kennt, wohl zu unwahrscheinlich. Bei solchen Figuren kann man aber meist auch nicht davon sprechen, dass sie ein soziales Leben außerhalb der Klostermauern hätten.
Was halten Sie von der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland?
Wenig, weil Beschäftigung immer nur mit finanziellen Fragen verbunden wird. Soziale Gerechtigkeit bemisst sich aber nicht in Euro und Cent. Wir müssen jeden Einzelnen fragen: Bist du wirklich bereit, eine Arbeit anzunehmen, auch wenn sie schlecht bezahlt ist? Willst du dir deinen Lebensunterhalt selbst verdienen oder nicht? Auch ein Sozialhilfeempfänger muss sehen, dass er seinen Lebensunterhalt bald wieder allein bestreitet.
Hier widerspricht sich Notker Wolf selbst. Denn erst stellt er die Frage nach der Arbeit, die man ja nicht nur in Euro und Cent bemessen dürfe, sie soll ja auch ruhig schlecht bezahlt sein, damit es dem goldenen Kalb Wirtschaft gut geht. Dann wiederum stellt er die Frage danach, ob sich jemand seinen Lebensunterhalt selbst verdienen wolle oder nicht. Wäre Herr Wolf nun in der Lage 1 und 1 zu addieren, dann würde es auch ihm einleuchten, dass zu einer Arbeit, die den Lebensunterhalt sichern soll, auch ein entsprechender Arbeitslohn gehört, der deutlich über dem Niveau von Hartz IV liegen muss. Denn nicht jeder hat die Armut selbst gewählt wie Notker Wolf in seinem katholischen Benediktiner- Orden. Sonst hätte er vielleicht auch eine Ahnung von der bereits herrschenden Armut in Deutschland und dass vor allem die Kinderarmut erschreckende Ausmaße angenommen hat. Aber woher soll das ein mit Zölibat in einem Kloster Lebender ohne Erfahrungen außerhalb eines Klosters oder gar Einblick in das Leben und die Kosten einer Familie wissen?
Ist die Gemeinschaft denn nicht zur Solidarität verpflichtet?
Die Gemeinschaft muss einspringen, wenn der Einzelne sich nicht aus eigener Kraft er halten kann. Wir fragen aber zu wenig danach, wo wir ohne den Staat auskommen können. Die Bürger verhalten sich zu oft wie Kinder, die keine Verantwortung übernehmen wollen.
Hach ja, die bösen, bösen Bürger, die im Gegensatz zu den INSM-Sprachrohren weder als Industriellen-Söhnchen mit dem goldenen Löffel im Hintern geboren wurden, noch auf ein zu erwartendes Erbe zurückgreifen können und sich auch nicht als korrupter Politiker oder Professor als Mietmäuler von der INSM und anderen Gruppierungen der neoliberalen Mafia kaufen lassen können. Nun sagen Sie es doch schon, Herr Wolf:
Das sollte man doch als “Christ” von den Bürgern erwarten können, oder? Wer braucht denn schon zwei Nieren, das ist doch “kindisch”, oder nicht? Mehr “christliche” Nächstenliebe!
Im Übrigen sollte die katholische Kirche auch einmal lernen, ohne den Staat auszukommen, indem sie das Eintreiben der Kirchensteuer selbst übernimmt und auf die zahlreichen Subventionen verzichtet, die selbst Atheisten ihr aus Steuermitteln ermöglichen. Aber wo kämen wir denn hin, wenn die katholische Kirche einmal Verantwortung übernehmen müßte, zum Beispiel für die “Reinigung” der indigenen Völker?
Aber es will doch nicht jeder Arbeitslose dem Staat auf der Tasche liegen?
Das behaupte ich ja auch gar nicht. Der Politik muss ich aber vorhalten, dass sie jahrzehntelang ein falsches Verständnis von Arbeit propagiert hat. Arbeit wurde immer mehr als Zumutung angesehen.
Wenn eine Arbeit nicht den Talenten und Neigungen eines Menschen entspricht, sondern ausschließlich und vollkommen leidenschaftslos dem Broterwerb dient, dann kann Arbeit durchaus eine Zumutung sein. Es lebt und arbeitet halt nicht jeder für einen ominösen Gott, sondern vor allem für sich und seine Lebensziele – vor dem Tod, denn aus dem angeblichen “Himmelreich” ist noch keiner zurückgekommen, der dessen Existenz beweisen könnte.
Dieser Weg war falsch. Auch die Politik muss erkennen: Nichts zu tun, ist wider die Natur des Menschen.
Es gibt genügend Dinge, die man tun kann. Nicht alles davon wird in unserer Gesellschaft als Arbeit bezeichnet. Aber das bedeutet eben nicht, dass die Leute den ganzen Tag lang gar nichts tun und nur auf der faulen Haut liegen. Das würde ich eher von Leuten vermuten, die morgens früh aufstehen, um lächerliche Lieder für einen Gott zu singen, den es nicht gibt, und zu diesem Gott beten. Das würde ich beispielsweise dummes Herumsitzen nennen, das durchaus mit dem RTL2- Niveau vergleichbar sein dürfte. Dort werden in der Sendung X-Factor ja auch diverse Hirngespinste vorgestellt, mit denen die Märchen der katholischen Kirche sicher mithalten könnten.
Das Kapitel der Benediktusregel über die Arbeit beginnt mit den Worten: “Müßiggang ist der Seele Feind.”
Schön. Das interessiert nur niemanden außerhalb seines Klosters, in der realen Welt gelten das Grundgesetz, BGB, StGB und SGB. Ist es etwa “Arbeit”, immer wieder den gleichen Quatsch in der Bibel zu lesen? Also Notker Wolf, husch husch, zurück ins Kloster und erst einmal beichten, dass Du für eine Organisation, die die Armen immer ärmer und die Reichen noch reicher machen will, in die Bresche gesprungen bist. Wie heißt es doch so schön:
Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! [...]Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Mk 10,17-30)
Vielleicht hätte Herr Wolf also besser einmal die INSM-Köpfe bekehren sollen, anstatt so viel hanebüchenen Unsinn abzusondern. Aber dass die katholische Kirche als Institution mit der christlichen Ethik, insbesondere mit der Sozialethik, nicht viel am Hut hat, ist ja hinlänglich bekannt. Dass man sich sogar mit der INSM ins Bett legt, hat das so gennante Impulspapier mit dem Titel Das Soziale neu denken gezeigt, welches von Hans Tietmeyer und Paul Kirchhof zusammen mit neun Beratern der katholischen Kirche verfasst wurde und vor allem marktradikale Forderungen enthält:
Der Text soll offenbar helfen, den Weg für weitere Sozialkürzungen zu bereiten. Reformvorschläge, die den oberen Einkommensgruppen etwas abverlangen, sucht man dagegen vergeblich. Mit dieser politischen Grundaussage und mit dem Bild, das sie vom Sozialstaat zeichnen, distanzieren sich die Autoren von der katholischen Tradition der Sozialpolitik und der Sozialethik, die gegen die wirtschaftsliberale, ursprünglich calvinistische Betonung des individuellen Erfolgs und der Eigenverantwortung in den letzten 100 Jahren immer wieder den Sinn und den Bedarf eines sozialen Ausgleichs über sozialstaatliche Instrumente verteidigt hat. Zugleich beziehen sie eine Position, die im Widerspruch zum ökumenischen Sozialwort von 1997 steht. Darin hatten die deutschen Bischöfe gemeinsam mit dem Rat der EKD im Anschluss an einen langen, breiten und intensiven Konsultationsprozess die wirtschaftliche Produktivität und die demokratische Notwendigkeit eines starken Sozialstaates hervorgehoben. Auch wenn das Sozialwort in Deutschland den aktuellen ökumenischen Stand kirchlicher Sozialverkündigung zu Sozialstaatsfragen markiert, steht es den Vertretern einer der beiden Kirchen natürlich frei, die eigene Position im konfessionellen Alleingang weiter zu entwickeln. Wer sich jedoch im eklatanten Widerspruch zum Sozialwort äußert, steht in der Pflicht, die Gründe aufzuzeigen, die eine solche, völlig veränderte Positionierung begründen können. Da das Impulspapier „Das Soziale neu denken“ genau dies nicht leistet, ist es nicht als eine fundierte Stellungnahme der Kirchenleitung zu werten, sondern nur als ein provokanter, in vielen Punkten noch nicht durchdachter Diskussionsanstoß aus den Reihen der katholischen Kirche.
Abschließend stellt sich die Frage, warum Notker Wolf sich für ein Interview mit der INSM hergegeben hat, obwohl er mit ein wenig Recherche und Verstand hätte erkennen können, mit wem er dort spricht und dass er damit seine Glaubwürdigkeit gefährdet. Die Antwort ist einfach: Seilschaften. Hans Tietmeyer, der Vorsitzende des INSM-Kuratoriums, ist Ehrenmitglied des Katholischen Studentenvereins K.St.V. Arminia Bonn im Kartellverband. Notker Wolf ist Ehrenmitglied der K.B.St.V. Rhaetia München und der K.S.St.V. Alemannia München, ebenfalls Kartellverband. Ebenso war Tietmeyer vor einiger Zeit als Chef der Vatikanbank im Gespräch. Solche Posten werden in der Regel nicht ohne persönliche Kontakte vergeben. Betrachtet man nun all diese Verbindungen, dann weiß man, warum Notker Wolf sich für dieses Interview hergegeben hat. Neben den Zitierkartellen an Universitäten und Instituten scheinen auch über solche Studentenverbindungen jederzeit Köpfe bereitzustehen, die sagen, was man gerade braucht.
Erfreulich, dass die INSM sich immer Repräsentanten für ihre Botschaften sucht, die mindestens genauso braun sind wie sie es selbst ist. Da reicht ein Windhauch, um der häßlichen Propaganda die Maske vom Gesicht zu reissen.
[...] Erfreulich, dass die INSM sich immer Repräsentanten für ihre Botschaften sucht, die mindestens gen… [...]
[...] Ausgabe Nr. 29/2007 auf Seite 27 eine ganzseitige Anzeige der INSM mit dem theologischen Mietmaul Notker Wolf als Motiv. Vor einigen Jahren, vor dem Antritt von Rot-Grün und dem redaktionell verordneten [...]
[...] 30th, 2007 by insmwatchblog Nachdem das INSM-Anzeigenmotiv mit Notker Wolf trotz Veröffentlichung im SPIEGEL, der in der gleichen Ausgabe auch “zufällig” ein [...]
[...] Das ganze bleibt aber schön günstig ,wenn man die Beschäftigungstherapie nicht bezahlt, sondern einfach Zwangsarbeit anwendet. Ob die Neoliberalen das meinen, wenn sie sagen, Arbeitslose sollen auch Arbeit annehmen, “wenn sie schlecht bezahlt ist? [...]
[...] tragbar? Zumindest informieren könnte man sich ja vorher, wenn über den Abtprimas schon so ausführlich und ganz ohne Propaganda geschrieben wurde. Jedenfalls sehr erschreckend, dass die Krake INSM ihre Tentakel jetzt schon in [...]
[...] Sie es gut, Herr Wolf – es war schön mit [...]