Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) wirbt derzeit mit einer Forsa-Umfrage auf ihrer Website, die angeblich belegt, dass den Bürgern bei der Pflegeversicherung „Privat vor Staat“ gehe. Hier die Einleitung zur Frage Umfrage mit dem Titel Meinungen zur Pflegeversicherung:
Die Kosten für die Pflege älterer Menschen werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten rapide ansteigen. Die Pflegeversicherung wird bei den aktuellen Beitragssätzen dann jedoch nur noch einen Bruchteil dieser Kosten übernehmen können. Wären Sie unter diesen Umständen bereit, „einen Betrag von bis zu maximal 20 Euro zusätzlich im Monat zu bezahlen, um im Alter als Pflegefall finanziell abgesichert zu sein?
(via NachDenkSeiten)
Erstens ist die Mär von dem angeblich rapiden Anstieg der Kosten ein Hirngespinst von Prof. Dr. Reinhard Schnabel von der Universität Duisburg-Essen, der diese Erkenntnis im Rahmen einer Studie gemacht haben will, die er als wissenschaftliches Mietmaul im Auftrag der INSM anfertigte. Darüber hinaus halte ich die Einleitung für einseitig, suggestiv und manipulierend, was in der Meinungsforschung einfach ein verdammt schlechter und unseriöser Stil ist. Aber offenbar kann man bei Forsa inzwischen auf eine halbwegs seriöse Reputation verzichten.
Ebenso falsch und suggestiv ist die Behauptung, dass die gesetzliche Pflegeversicherung nur noch einen Bruchteil der Pflegekosten übernehmen könne. Denn durch das Weglassen eines exakten Prozentwertes müssen die Befragten offenbar von einem sehr kleinen Bruchteil ausgegangen sein. Also das alte Schema der INSM-Kampagnen, wie wir es schon von der Rente kennen: erst unseriöse Panikmache mit Hilfe gekaufter „Experten“ der Wissenschaft, anschließend Werbung für private Vorsorge.
Die von Forsa für die INSM-Kampagne ermittelten Werte, dass um die 75% der Bundesbürger einer privaten Pflege(zusatz)versicherung den Vorzug gegenüber der gesetzlichen Pflegeversicherung gäben, sind also falsch, unbrauchbar und realitätsfern, da sie mittels unseriöser, suggestiver Befragungsmethoden ermittelt wurden – mit handfesten Interessen dahinter. Die Bürger erteilen der gesetzlichen Pflegeversicherung nämlich nur unter dem Eindruck des verbreiteten Horror-Szenarios in der Einleitung eine Absage. Eher geringfügig höhere Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung wurden als Alternative hingegen bewußt ausgeblendet.
Zudem gelang es im Rahmen dieser Forsa Umfrage eine Mindestsumme von 20 Euro pro Kopf als vermeintlichen Willen der Mehrheit des Volkes in der öffentlichen Diskussion zu platzieren. Angeblich würden die Bürger es bevorzugen, ihr sauer verdientes Geld der privaten Versicherungswirtschaft in den Rachen zu werfen als über die gesetzliche Pflegeversicherung solidarisch abgesichert zu sein. Denn es sei ja sicherer, seine Absicherung in die Hände der privaten Versicherungskonzerne zu legen, die nicht nur die Beiträge ganz schnell erhöhen würden – die massiv steigenden Beiträge zur privaten Krankenversicherung im höheren Alter sind da nur eines von vielen Beispielen – , sondern bekanntlich auch jede sich bietende Möglichkeit zur willkürlichen Leistungsverweigerung ausnutzen.
Die Ziele dieser unseriösen INSM-Kampagne sind offensichtlich:
- Beschädigung des Vertrauens der Bürger in die gesetzliche Pflegeversicherung wie schon zuvor bei der gesetzlichen Rentenversicherung.
- Danach Forderungen nach der Kürzung oder Streichung der Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung, vor allem für die Arbeitgeber, damit das Horror-Szenario auf Grund von vorsätzlich herbeigeführter Unterdeckung der gesetzlichen Pflegeversicherung auch erreicht werden kann.
- Endziel der Kampagne: Die Arbeitnehmer sollen die Pflegeversicherung komplett alleine und privat absichern, anstatt paritätisch mit den Arbeitgebern und auf einer solidarischen Basis.
Dies war sicherlich nicht die erste und nicht die letzte unseriöse Umfrage von Forsa im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Zuletzt glänzte Forsa mit einer methodisch genauso unsauberen Umfrage zum Thema Studiengebühren für das INSM-Projekt Unicheck.
Wie soll man offensichtlich käufliche Meinungsmache-Institute wie Forsa zukünftig überhaupt noch ernstnehmen? Mit der nächsten Umfrage verkündet Forsa wahrscheinlich, dass 150% der Bürger hinter Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin stünden und sich Dieter Hundt als Wirtschaftsminister wünschten
Disclaimer: ich bin durchaus kein Freund der INSM.
Dennoch, kreative Auslegung von Umfrage-Ergebnissen ist ja an sich nichts Neues. Auch ist die Formulierung in der INSM-Pressemitteilung bedenklich -
„Der Stewens-Vorschlag sieht eine zusätzliche Prämie von 6 Euro im Monat vor, der nach und nach auf 20 Euro ansteigt. Gefragt wurden von forsa 1000 Bundesbürger im Alter von bis zu 50 Jahren.“
- da kein Bezug auf die konkrete Formulierung der Frage genommen wird.
Deshalb aber gleich auf Forsa rumzuhacken finde ich unpassend, ist im eigentlichen Forsa-Papier von einer tendenziösen Auslegung keine Spur.
„Darüber hinaus halte ich die Einleitung für einseitig, suggestiv und manipulierend, was in der Meinungsforschung einfach ein verdammt schlechter und unseriöser Stil ist.“
Quantitative Sozialforschung ist auf diesem kostengünstigen Niveau fast zwangsläufig suggestiv und manipulierend. Aber was soll’s, ver.di bucht halt ne andere Studie von Ver.di, werden andere Fragen gestellt, kommen andere Sachen raus, werden anders interpretiert.
1. Die Frage ist, ob eine Deckelung von z.B. 20 Euro aufrecht zu erhalten wäre. Ich denke nein und somit würde die private Zusatzversicherung für die Bürger ein Loch ohne Boden. Bewirb Dich nur mal ab Mitte 40 oder mit einer chronischen Erkrankung bei einer privaten Krankenversicherung, dann weißt Du, wie da der Hase läuft. Eine Solidargemeinschaft gibt es da eben nicht.
2. Ich würde von einem professionellen Meinungsforschungsinstitut durchaus erwarten, dass es seine Kunden auch bei der Formulierung der Umfrage unterstützt. Ziel einer Umfrage sollte es doch im Normalfall sein, die Realität abzubilden, d.h. die Popularität einer bestimmten Meinung, eines Konzepts oder eines (geplanten) Produkts / Services zu bestimmen. All dies leistet die Forsa-Umfrage im Auftrag der INSM aber nicht, da sie eben nicht Meinungen abbilden, sondern Meinung machen soll. Sie ist billigste Meinungsmanipulation fern jeglicher Realität, da den Befragten ein nicht existierendes Horror-Szenario suggeriert wurde. Dass seriöse und saubere Meinungsforschung so nicht zu machen ist, sollten die Fachleute bei Forsa wissen und ihre Kunden entsprechend beraten. Da das Institut auch immer genannt wird, sollte man bei Forsa auch wissen, wie weit man bereit ist, solche unsauberen Methoden mitzutragen, die auf den Ruf des Instituts abfärben können.
3. Im Gegensatz zur INSM vertritt ver.di die Arbeitnehmer und somit die Mehrheit des Volkes, während die INSM eine demokratiefeindliche Minderheit vertritt. Von ver.di sind mir zudem solche übelst manipulierten Umfragen / Auswertungen noch nicht untergekommen. Die Situation weiter Teile der Arbeitnehmerschaft in Deutschland ist heikel und prekär genug, dass man sich Horror-Szenarien und Phantasiegebilde im Stil der INSM sparen kann. Ob ver.di über die gleiche Anzahl von Kanälen zur Verbreitung verfügt wie die INSM, halte ich auch für unwahrscheinlich. Ich bin daher geneigt, Deinen Vergleich als einen Vergleich von Äpfeln und Birnen zu etikettieren.
Die verklausulierte Fassung von „Machen doch alle so!“ lasse ich auch nicht gelten. Man sollte sich am moralisch Höherwertigen orientieren, nicht an Lügnern.
INSM-Sniper
Zu 2) Wer von einem Meinungsinstitut eine objektive Meinung erwartet dem kann nicht mehr geholfen werden. Schau dir doch mal die ganzen Institute an… Forsa kannst du vergessen, Allensbach arbeitet nicht anders. Wenn du weißt wer die Studie in Auftrag gegeben hat dann kannst du das Ergebnis schon vorhersagen. Ich würde so weit gehen und sogar bezweifeln, dass die überhaupt so viele Leute befragen wie sie vorgeben. Viel effektiver wäre doch, einfach ein paar bezahlte Autoren die Ergebnisse selbst erfinden zu lassen. Auftrag erledigt, Auftraggeber zufrieden. Fertig, nächster Auftrag.
Zu 3) Die Verdi verfügt vielleicht über genausoviele Kanäle zur Verbreitung, aber nicht so viele in Verdrehungskünsten geschulte Mitarbeiter und „Kuratoren“, welche man als „objektive Experten“ in die öffentliche Meinungsfindung einschleußen könnte. Wenn einer von verdi auftritt, dann ist er als Vertreter von Verdi da. „Ehrlich währt am Längsten “ gilt aber nicht, wenn du dich mit PR-Leuten auseinandersetzt.
@capitalverbrecher:
Leider ist es inzwischen so, dass man sich bei der Betrachtung des Auftraggebers einer Studie das Ergebnis schon denken kann. Daher habe ich im Artikel auch den Idealfall beschrieben bzw. die Vorstellung vieler Bürgerinnen und Bürger darüber, wie solche Institute arbeiten (sollten). Wir wissen auch nicht, ob sie nur die Mitglieder der FDP befragt haben
Bezüglich der Verdrehungskünste gebe ich Dir Recht, dass ver.di da nicht so massiv auffällt und auch nicht so viele prominente Sprachrohre und wissenchaftliche Mietmäuler hat wie die INSM, die ihre „frohe Kunde“ in der Medienlandschaft verbreiten.
Ansonsten denke ich, dass man sich, wenn man PR-Organisationen und Think Tanks wie die INSM kritisieren will, insbesondere nach dem Prinzip „Ehrlich währt am längsten“ verfahren sollte. Denn wenn man die gleichen üblen und unsauberen Methoden einsetzt, macht man sich nicht gerade glaubwürdiger.
INSM-Sniper
[...] hinsichtlich der gesetzlichen Rentenversicherung wurde ja bereits im Zusammenhang mit der aktuellen INSM-Kampagne gegen die gesetzliche Pflegeversicherung [...]